• Ostwald vor 100 Jahren

    Das Jahr 1918
    Mit dem Ende des Kaiserreiches, der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und dem Ende des I. Weltkrieges war die Kapitulation Deutschlands verbunden. Bereits am 29. September 1918 informierte die Oberste Heeresleitung den Kaiser und den Reichskanzler über die aussichtslose militärische Lage. Ludendorff forderte den Waffenstillstand, da er nicht garantieren könne, die Front länger als 24 Stunden zu halten. Er empfahl, die Reichsregierung auf eine parlamentarische Basis zu stellen, um günstigere Friedensbedingungen zu erlangen. Damit schob er den politischen Parteien die Verantwortung für die bevorstehende Kapitulation und deren Folgen zu. Bald darauf kursierte die sogenannte „Dolchstoßlegende“ in Deutschland. Die Ursachen der Revolution und der militärischen Niederlage lagen aber in den großen Belastungen durch den bereits mehr als vier Jahre andauernden Krieg, der Verfolgung expansionistischer Kriegsziele, den reformunwilligen Machteliten und den von ihnen gepflegten vordemokratischen Strukturen.

          Die Familie Ostwald lieferte seit 1914 Wertgegenstände ab und zeichnete Kriegsanleihen. Außerdem finanzierte Wilhelm Ostwald ein Lazarett für verwundete und erkrankte Soldaten in Großbothen, in dem auch seine Ehefrau Helene und die älteste Tochter Grete tätig waren. Sie zog sich bei ihrer Arbeit eine schwere Arthritis zu, die sie ab 1918 an den Rollstuhl fesselte. Die Hungersnot der letzten Kriegsjahre traf die Familie weniger hart als die Stadtbewohner, weil sie in Großbothen ihre Flächen gegen Naturallieferungen verpachteten oder selbst nutzten. Die Revolution und die nachfolgenden Ereignisse kommentierte Wilhelm Ostwald mit den Worten: „Die Umwälzung von 1918 erlebte ich mit sehr gemischten Gefühlen. Bestürzt war ich über die Widerstandslosigkeit, mit der alle Herrscher in Deutschland vor den häufig nur sehr geringen Mächten der Revolution zurückwichen. … Ich war damals durchaus demokratisch gesinnt, hatte also gefühlsmäßig nichts gegen den Vorgang einzuwenden. Aber ich wusste aus der Wissenschaft, dass jede unstetige Wegänderung einen starken Energieverbrauch bedingt, den in solchen Fällen immer das Volk zu tragen hat. Und aus der Geschichte wusste ich, dass niemals eine Revolution unmittelbar zu besseren Zuständen geführt hat, was eben durch den sehr vermehrten Energiebedarf der neuen, mit endlosen Reibungen behafteten Verhältnisse bedingt ist. … So sind denn auch die folgenden Jahre verlaufen. Die Deutsche Revolution konnte in keinem unglücklicheren Augenblicke ausbrechen, als beim Ende des Krieges. Dass beim Friedensschluss Männer maßgebend wurden, welche vom diplomatischen Handwerk nichts verstanden, hat jenen ungeheuerlichen „Frieden“ über uns gebracht, dessen Zweck eine Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen das Deutsche Volk mit unblutigen Mitteln ist. … Zu der politischen Unerfahrenheit und Kurzsichtigkeit gesellte sich die wirtschaftliche, die zum Zusammenbruch der deutschen Währung führte. Auch meine recht beträchtlichen Ersparnisse, die in Deutschen Staatspapieren angelegt waren, gingen in Rauch auf und ich mußte mein wirtschaftliches Dasein wieder neu zu begründen versuchen.“ (Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien - Eine Selbstbiographie. Dritter Teil: Großbothen und die Welt, Berlin: Klasing, 1927, S. 347ff.)
    Weder am Ende des Krieges, noch später, nahm Wilhelm Ostwald eine Analyse der jeweiligen Interessen und der jeweiligen Machtbestrebungen vor.
         Der fast vollständige Abbruch der wissenschaftlichen Kontakte nach Kriegsausbruch war für den angesehenen und international tätigen Gelehrten nur schwer hinnehmbar. Um nicht untätig zu bleiben, arbeitete Wilhelm Ostwald während des Krieges an seinen Farbstudien. Bereits im November 1917 nahm er die Arbeit am Farbenatlas auf. Im Mai 1918 meldete er beim „Werkbund“ die „Freie Gruppe für Farbe“ an. Im Januar und Februar 1919 konnte Wilhelm Ostwald die letzte Lieferung des Farbatlasses durch den Verlag Unesma vermelden. In den „Lebenslinien“ schreibt Wilhelm Ostwald: „Die wissenschaftliche Arbeit, der ich mich widmen wollte, brauchte ich nicht erst zu suchen. … Schon vor dem Kriege hatte ich in halb spielender Weise angefangen, die hier auftretenden Fragen mir experimentell anschaulich zu machen. So gab ich mich mit allen Kräften diesen Forschungen hin. Wie das immer der Fall ist, wuchsen mir unter der begonnenen Arbeit immer mehr neue Probleme zu, und schließlich stellte sich in diesen Spätlingsfrüchten ein ganzer neuer Lebensinhalt dar, in welchem die frühere Breite meiner Betätigung durch Vertiefung ersetzt werden konnte.“ (Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien - Eine Selbstbiographie. Dritter Teil: Großbothen und die Welt. Berlin: Klasing, 1927, S. 350f.).


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